Maturarede 2012 an die 5BK

Liebe Absolventinnen, liebe Absolventen der 5BK!

Ich könnte jetzt sagen, dass eure Reise beendet ist, aber das entspricht keinesfalls der Wahrheit. Euer Reisepass wird  gerade mal ausgestellt; und das Reifeprüfungszeugnis und das Wissen, das es symbolisiert, ermöglichen es euch, zu neuen Ufern aufzubrechen und ferne Welten zu erkunden.

Nach der Zielvorstellung der Maturaverordnung sind wir lebenslänglich Lernende, Auswanderer, die nie heimkehren, nicht deshalb, weil wir völlig heimatlos wären, sondern weil die Heimat ein Ort ist, zu dem wir unterwegs sind. Wenn wir lesen, fragen und suchen, kurz wenn wir geistig arbeiten, sind wir stets unterwegs, und das hat hoffentlich auch mein Deutschunterricht gezeigt, in dem wir ständig auf Achse waren. Wir haben mit strahlenden Helden,  Erniedrigten und Beleidigten, Gefallenen und Gestrauchelten, Außenseitern und Schlitzohren, Femmes fatales und  Liebeskranken und vielen anderen Bekanntschaft gemacht.

Wir haben sie verstehen gelernt, nun gut, teilweise auch abgelehnt oder sogar gehasst, uns an ihnen Beispiel genommen, mit ihnen gelacht oder geweint und sehr weite Reisen nach Südamerika, England, Russland, Frankreich, Norwegen und in andere Länder  unternommen. Diese Zeitreisen entpuppten sich als literarische Streifzüge quer durch die Jahrhunderte und alle Gesellschaftsschichten.

Durch das bestandene Maturum, und ich hoffe, es war kein Martyrium, und das damit verbundene Maturazeugnis erlangt ihr nicht nur die Maturität, sondern wird euch auch die Fähigkeit zum selbstständigen Urteilen zugesprochen. Der Dichter Bert Brecht hat diesen Aspekt in prägnanter Weise folgendermaßen formuliert:

Scheue dich nicht zu fragen, Genosse!
Lass dir nichts einreden
Sieh selber nach!
Was du nicht selber weißt,
Weißt du nicht.

Ziel meiner Unterrichtstätigkeit war eine Erziehung zur Mündigkeit, zur Autonomie im Denken, Urteilen und in der Lebensführung. Und um diese Autonomie im Leben zu beweisen, bedarf es oft großen Mutes.

Auch die Idee der Aufklärung betrachtet den selbstständigen Gebrauch der Vernunft als Ziel jeder Erziehung: „Aufklärung“, sagte Immanuel Kant, „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen.“

Und ich für meinen Teil kann sagen, dass mein Auftrag erfüllt ist und ihr mündig seid – im Sinne der Aufklärung. 

Zugleich stellt das Reifeprüfungszeugnis aber auch eine Urkunde des Nichtwissens dar, insofern es belegt, dass ihr das Suchen, das Fragen und das Zweifeln, ohne die es keinen Fortschritt im Wissen und kein gelungenes Zusammenleben der Menschen gibt, gelernt habt. Der wahrhaft Wissende ist sich bewusst, dass der Umfang dessen, was er nicht weiß, weit größer ist als das kleine Wissen, über das er verfügt.

Versteht mich nicht falsch, ihr dürft stolz sein über den Erfolg, der bestätigt, dass ihr vieles wisst, aber ich hoffe, dass ihr diese Schule nicht nur als Wissende, sondern vor allem als Fragende verlassen werdet.

Was Bert Brecht in den vorher genannten Zeilen auch anspricht, ist die Kommunikationsfähigkeit, die das Vermögen einschließt, auf andere zu hören. Leider schaffen wir das oft nur, wenn wir davon überzeugt sind, dass wir von ihnen etwas lernen können, oder wenn wir ihre Informationen benötigen.

Der Erwerb grundlegender Kenntnisse ist also nur ein Teil dessen, was wir als Bildung bezeichnen, denn Antworten findet man nicht nur in Büchern, sondern auch im Umgang mit anderen Menschen, und manche Antworten kann nur das Leben selbst geben.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
Und grün des Lebens
gold’ner Baum

lesen wir in Goethes „Faust“.

Ihr werdet wahrscheinlich in eurem weiteren Leben auf Fragen stoßen, die großen Fragen der Menschheit, auf die ihr keine eindeutigen Antworten erhalten und finden werdet, auch nicht in Büchern. Dann werdet ihr so wie Faust, den die Sehnsucht nach höchster Erkenntnis vorantreibt, der ein Mensch ist, der viel weiß, doch alles wissen will, feststellen:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor (…) 

Nun, ich hoffe, dass ihr, wenn ihr vor diesen letzten Fragen stehen werdet, keinen Pakt mit dem Teufel eingehen werdet und Auerbachs Keller nicht euer ständiger Aufenthaltsort sein wird, sondern – ohne wissenschaftliche Beweise – an Gott glauben und auf ihn vertrauen werdet.

Mit Disziplin und Fleiß könnt ihr vieles erreichten, dass aber auch der Zufall eine nicht unbedeutende Rolle im Leben spielt, also nicht nur bei Dürrenmatt, werdet ihr selbst herausfinden.

Und denkt immer daran: Auf das Glück darf man nicht warten, dann kommt es nicht. Man muss daran arbeiten. Und oft sind Glück und Zufall die Komponenten, die in Wahrheit das Leben regieren.

Ich habe viel von euch gelernt, vieles an euch geschätzt und bewundert, und ich gebe es offen zu: Beneidet hab ich auch manche um so manche nonchalante Lebenseinstellung.  

Zum Schluss möchte ich euch noch ein indisches Märchen vorlesen:

Eines Tages besuchte ein Hund den Tempel der tausend Spiegel. Er stieg die hohen Stiegen hinauf, betrat den Tempel und schaute in die tausend  Spiegel, sah tausend Hunde, bekam Angst und knurrte. Tausend andere Hunde knurrten zurück. Mit gekniffenem Schwanz verließ er den Tempel in dem Bewusstsein: Die Welt ist voller böser Hunde.

Kurze Zeit später kam ein anderer Hund in den gleichen Tempel. Auch er stieg die Stufen empor, ging durch die Tür und betrat den Tempel der tausend Spiegel. Er sah ebenfalls in den Spiegeln tausend andere Hunde, freute sich darüber und wedelte mit dem Schwanz. Tausend andere Hunde freuten sich und wedelten zurück. Dieser Hund verließ den Tempel im Bewusstsein: Die Welt ist voller freundlicher Hunde.

Eine positive Lebenseinstellung wird erwidert, macht Freunde und verändert die Welt. Der wichtigste Satz dieses Märchens ist natürlich der letzte, den ihr nicht vergessen sollt und den ich euch explizit mitgeben möchte: Die Welt ist voller freundlicher Hunde, und darüber hinaus sind sie bunt und – ja - sie unterscheiden sich von euch in Lebenseinstellung und Denkweise, aber es liegt an euch, sie trotzdem zu tolerieren. Sie können euer Leben bereichern und geben euch dadurch die Chance, es aus anderen Perspektiven zu betrachten. 

Ein selbstständiger Mensch, der sich in seinem Denken von niemandem lenken lässt, kann einsehen, dass es den anderen Menschen gibt, dass der andere ein ebensolches Recht auf seine Selbstständigkeit hat wie er selbst.

Liebe Absolventinnen und Absolventen, eure Koffer sind gepackt, nehmt die Verantwortung gegenüber euch selbst, den Mitmenschen, der Gesellschaft, der Natur und der Wissenschaft auf eurer faszinierenden Reise wahr!

„Die beste Bildung findet der gescheite Mensch auf Reisen“, heißt es in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ von Johann Wolfgang von Goethe. In diesem Sinne wünsche ich euch eine glückliche, erfolgreiche, abwechslungsreiche und sehr, sehr lange Reise!  Alles Gute!

Mag. Beatrix Kronberger